G. und der Sieg des Westens

Alte Männer ohne Würde

Die Gruppe war zu spät dran. In 25 Minuten sollte der Bus in die Anden abfahren. Eine bleiche Truppe von 8 Gringos, den Kopf von der letzten Nacht vernebelt, reckte die Arme nach einem Taxi. Schließlich hielt ein klappriger Toyota. „Wir müssen zur Busstation nach La Victoria. Wir haben nicht viel Zeit.“ „Kostest Euch 20 Soles.“ Von Christian Grimm

„Bist Du verrückt, höchstens 13.“ „Da kann ich gleich umsonst fahren, 17.“ „15!“ „Steigt ein.“ G. verachtete das Gescharrer um Pfennigbeträge wegen des wertlosen Kleingeldes im Portemonnaie. Er nahm Platz im Fond, schaute auf seine sonnenverbrannten Arme und drückte die großen schwarzen Ray-Ban Gläser so weit wie möglich an die Stirn. „Schade, dass die Italiener jetzt diese Brillen machen“, dachte er. „Dabei sind sie so amerikanisch.“ Das graue Haar des Taxifahrers war mit brauner Farbe nachgefärbt. G. erinnerte sich daran, dass er sich geschworen hatte, Männern, die nicht in Würde zu altern verstehen, niemals trauen wollte. Es fiel ihm nicht mehr ein, wann und in welcher Situation er sich diese Verhaltensregel aufgestellt hatte. Daran zu halten, war sich auf alle Fälle.

Das Vehikel war in einem erbarmungswürdigen Zustand. Die Verkleidung löste sich an allen Flächen. Die Polster waren mit schwarzem Klebeband zusammengeflickt und die Stossfänger derartig abgefahren, dass sie Rennwagenhärte besaßen. Der Fahrer hatte das, was man bei Frisören eine unruhige Hand zu nennen pflegt. Er riss das Steuerrad ruckartig nach rechts und links. Mit der Hupe die anderen Autos dirigierend, bahnte sich unser Kleinbus durch die überfüllten Straßen Limas. Dabei blieb sein Kopf mit dem nachgefärbten Schopf trotz aller Erschütterungen in einer würdevoll aufrechten Position. Plötzlich schoss ein Linienbus aus einer Nebenstraße. G. stieg das Adrenalin in den Kopf. Er griff nach irgendetwas, seine Hände fanden aber nur Leere. Der Bus stoppte gerade in dem Moment, als sich sein massiver Stahlrahmen Platz im Taxi schaffen wollte. G. beschloss, ab nun mindestens einmal im Monat zur Messe zu gehen.

Fliegende Händler und eine kaputte Rikscha

Der Reisebus in die Anden rollte bereits. G. drückte dem Taxifahrer 20 Soles in die Hand. „Gracias.“ Die Gruppe hastete in den Bus, argwöhnisch beäugt von den anderen Mitfahrern. „Auf ein paar Gringos wird notfalls immer gewartet“, sagte J. zufrieden und sehr laut zu den anderen. Er war der kleine, drahtige Gruppenführer und hätte auch gut und gerne einen Guerilla-Kämpfer abgeben können. Er sah nicht sehr deutsch aus.

Der Reisebus zuckelte durch den Smog der Hauptstadt und machte noch einmal Station, um andere Passagiere aufzunehmen. Es war heiß und stickig und die Lungen füllten sich mit dem Dreck eines Acht-Millionen-Mollochs. Der Aufenthalt dauerte eine ganze Stunde. G. versuchte zu schlafen. Es blieb bei stetem Hin- und Herwälzen, da seine langen, weißen Beine keinen Platz zum Ruhen finden sollten. Außerdem stießen im Intervall von vielleicht drei Minuten fliegende Händler in den Bus. Es waren alte zahnlose Weiber, aber auch junge Mädchen und Jungen. Sie priesen in schrillen Klängen Maiskolben, Bananenchips, Caramelitos, Kekse und allerlei Wertloses an.

„Sie sollten in die Schule gehen. Den Alten ist nicht mehr zu helfen“, sagte G. halblaut. Ihn packte seit jeher die Abscheu gegen Händler, Märkte und nicht in Folie verschweißtes Essen. Der dritten Zahnlosen gab G. nach. Er kaufte eine blassrote Reisetablette für einen Sol. Auf der Verpackung fanden sich asiatische Schriftzeichen. G. zögerte einen Moment und erinnerte sich einer Reportage aus dem öffentlich-rechtlichen Programm Frankreichs. „Das Fernsehprogramm in Frankreich ist sowieso niveaulos“. Er spülte die rote Pille hinunter und eine Aspirin hinterher.

Hinter den Ausläufern Limas erheben sich steil die Anden. Der Bus geriet in eine Nebelwand und es begann zu regnen. Alle Fenster wurden geschlossen. Es stank im Bus nach Ausdünstungen, Knoblauch und ungewaschenen Menschen. G. musste an die Sennerhütten in den Alpen denken, die er mit seinen Eltern während der Sommerferien so oft besucht hatte. Schon damals hielt er es keine Minute in diesen dunklen Behausungen aus. Irgendwie schlief er ein. Neben der Fahrbahn sucht sich das Wasser rauschend seinen Weg talwärts. Bus und Lastwagen manövrieren sich zentimeterweise an einander vorbei. Die Schlucht liegt dunkel in der Tiefe.

G. erwachte durch einen mächtigen Schlag. Der Bus stoppte. Alles sprang auf die Straße. Am Straßenrand lag eine umgekippte Motorradrikscha. Die Krücke war völlig verzogen. Dem armen Ding am Steuer war der Schreck in die Glieder gefahren aber nichts weiter passiert. Der Busfahrer machte sich ob seiner geborstenen Scheibe über sie her. Der bullige Mann wusste, dass von Ihr nicht ein müder Sol zu bekommen war. Sein Kopf schwoll an und sein Schreien verwandelte das runde Gesicht in eine einzige Grimasse. G. kam das Antlitz des Managers von Bayern München in den Sinn. Die Dorfsheriffs eilten schnell herbei, schienen sich aber nicht sonderlich für den Unfall zu interessieren.

„Woher kommt Ihr?“ „Alemania.“ G. fror nun. Es nieselte und er fühlte sich unendlich schlecht. Sein Haar klebte ungewaschen an seinem Kopf. „Sie schicken einen neuen Bus“, schrie J. herüber. „Es wird drei bis vier Stunden dauern.“ G. brannte sich eine Lucky Strike an und blickte sich um. Rechts und links der Chaussee standen kleine, erbärmliche Behausungen. Teilweise verfielen sie schon wieder. „Verdammtes Rikscha-Mädchen“, fluchte G. und erntete verständnislose Reaktionen vom Rest der Gruppe. An einem dieser Hütten war in großen blauen Lettern „Restaurant“ angeschlagen. Die Gruppe trat hinein und beim Anblick der servierten Suppen wussten Sie, dass ihre Mägen dafür zu schwach waren. Hinter der Theke wurden Kekse, Brötchen und Cola verkauft. G. warf der Verkäuferin verächtlich einen 10 Soles Schein entgegen. Er kaufte, noch immer trug er seine großen Sonnengläser, den ganzen Laden leer. Sie sollten spüren, dass er nicht hier sein wollte. Er schleppte den Krempel zurück in den kaputten Bus, ohne zu wissen, was er damit sollte.

Lady Di und ein schwacher Gringo

Im Bus begannen sich die Kinder um die blassen Fremden zu scharren. „Woher kommt ihr?“ „Alemania.“ „Wo liegt Alemania?“ „In Europa.“ „Mmhm, gibt es dort noch mehr Gringos?“ „Wie heißt Du?“, fragte A. eines der kleinen Mädchen. Um ihren Mund und ihre Augen bildete sich ein siegesgewisses Lächeln. „Lady Diana.“ A. riss die Augen auf, schaute ungläubig und fragte nach. „Lady Diana?“ „Ja.“ Das Mädchen wusste, dass Lady Diana eine Königin oder etwas Ähnliches gewesen ist. G. saß eine Platzreihe dahinter. Er wusste nicht, ob dies nun der endgültige Sieg der westlichen Zivilisation sein sollte oder ihre schallendste Niederlage. Er war sich sicher, dass aus Südamerika keine Gefahr mehr drohte. „Wären da nicht die hungrigen Völker Asiens“, schoss ihm Spengler durch das Hirn. Lady Di verlor die Lust an ihrem Hofstaat. G. schlief ein. Nach weiteren vier Stunden erreichte der neue Bus das Andennest. Schläfrig und schwach wechselten bis auf die Kinder die Passagiere mit Sack und Pack den Bus. Es war stockfinster.

Das neue Modell entpuppte sich als business-class unter den Reisebussen. Die Abstände zwischen den Sitzen waren größer angelegt, so dass sich ein Mitteleuropäer fast ausstrecken kann, stellt er den Sitz in Liegeposition. Die Gringos machten es sich bequem. Sie mussten nun tiefer einatmen, um die nötige menge Sauerstoff für ihren unangepassten Körper aus der Luft zu filtern. Der Bus hatte sicherlich die 3000 Meter überschritten. T. begann sich zu übergeben. Seine Freundin A. rief nach Kotztüten. Sein Kopf sackte regungslos gegen die Lehne und für eine Minute blickte er regungslos geradeaus. Alle waren sehr besorgt. G. fand, T. solle sich einmal zusammenreißen. Nur einmal ein Mann sein. Einmal seine körperlichen Grenzen schlagen. G. war sich nicht mehr so sicher ob die Gringos noch lange Zeit die Art Mensch sein werden, zudem die Armen aufblicken. Der Bus passierte die Passhöhe von 4800 Meter. Langsam ging es nach Tarma hinab, dem Ziel der Reise auf etwa 3000 Höhenmeter. Nach 11 Stunden Fahrt stieg G. aus dem Bus aus. Er trug noch immer seine Sonnengläser. T. klagte über die Höhenkrankheit. Es war Nacht. Die Luft war dünn. Dünn aber rein.

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