Urwald auf deutsch

In den Bergen des Distrikts Chanchamayo liegt die ehemalige Kaffeeplantage „La Mosela“. Auf etwa 1200 Höhenmetern, bei feucht-kühlem Klima nachts und warmem Sonnenschein tagsüber gedeiht Kaffee am Besten. Das wussten schon die ersten Deutschen Plantagenbesitzer im 19. Jahrhundert. Der letzte verbliebene deutsche Plantagenbewohner heizt heute im roten Käfer mit 40 km/h und André Rieu im Radio über die Hochurwaldpfade. Ein Text von Thomas Seifert

Auf dem Weg zur La Mosela

Der Weg ist holprig. Wie so vieles in Peru. Dicht bewachsen ist der Straßenrand. Zwischendurch luken kleine Hüttchen mit Wellblechdächern hervor. Manchmal sind die Dächer nicht einmal aus Blech. Hunde bellen von irgendwoher. Die Menschen scheinen versteckt. Sie verrichten ihre Knochenarbeit hinter Riesenblättern. Dann und wann tauchen große Kinderaugen auf und verschwinden wieder. Eine dreiviertel Stunde lang schwankt das kleine Collectivo (Sammeltaxi) unermüdlich vor sich hin. Auch über weggespülte Straßenstücke. Und auch vorbei an nur wenige Zentimeter entfernte Abhänge, mitunter bis zu 30 Meter tief – vereinzelt werden Stoßgebete gemurmelt.

Von Dezember bis März herrscht Regenzeit in den Privinzen im Landesinneren Perus. Heute ist der 26. Februar. Wir sind auf dem Weg durch den Hochurwald. Plötzlich stoppt das Collectivo. Der weitere Weg ist unbefahrbar. Es geht zu Fuß weiter. Über umgefallene Bäume und kleine Bäche, auf verengten Pfaden, durch Pfützen und Matsch, umgeben von buntem Vogelgezwitscher und einer außergewöhnlichen Flora. Die Fauna zeigt sich nicht. Irgendwann ein Schild, links La Perla, rechts La Mocela. Es müsste heißen: La Mosela, nach der deutschen Mosel. Und dann taucht es langsam vor uns auf, das Anwesen der La Mosela, der ehemaligen Kaffeeplantage mit dem schier endlosen Gutsherrenhaus – ein Moment des Staunens. Das dreistöckige Haus liegt vor uns. Verwachsen mit dem Urwald. Hundegebell ertönt. Carlos begrüßt uns.

Die ehemalige Kaffeeplantage La Mosela – eine Goldgrube des peruanischen Hochurwalds

Carlos ist 52 Jahre alt. Sein Haar ist grau, sein Schnauzer weiß. Liebevoll wird er auch von seiner Familie Tío (Onkel) genannt. Seit 1977 bewirtschaftet Tío La Mosela. Seit 1895 existiert sie, nunmehr in vierter Generation. Damals wanderte Tíos Großvater, Theodor Jordan, nach Peru aus, unmittelbar nach dem Abschluss seiner Lehre als Zimmermann, achtzehnjährig. Bereits 5 Jahre später schlitterte Theodor mit seinem 20 ha kleinem Anwesen in die erste Kaffeekrise. Es sollte nicht die letzte für die Jordans gewesen sein. Doch Theodor überstand die Krise bestens, kaufte sogar Grundstücke von anderen auf, die vorzeitig aufgaben. Zusätzlich vergrößerte sich die La Mosela durch Heirat, so dass La Mosela auf stolze 600 ha anwuchs. Das harte Geschäft mit dem Kaffee florierte. Ab 1919 gab es eine Telefonverbindung, sowie eine Straßenanbindung. Ein Auto mit Chauffeur war Standard.

In den 20er Jahren heiratete Theodor erneut. Der Vater von Tío, der gleichfalls Carlos hieß, wurde neben vier Schwestern geboren. Dieser übernahm von seinem Vater Theodor in den 40er Jahren die durch Schenkung an Theodors Tochter noch 400 ha große Plantage und organisierte eine großflächige Kaffeeproduktion. Die 50er Jahre boomten, der Kaffeepreis explodierte, bis zu 600 Arbeiter waren auf der La Mosela beschäftigt. Die Jahresproduktion lag bei 5000 bis 6000 Zentnern Kaffee. Zu diesem Zeitpunkt waren die Jordans Millionäre. Ein VW kostete sie 20 Zentner Kaffee, eine Cesna, die für den Kaffeetransport aus dem 6 km entfernten San Ramon unabdingbar wurde, 250 Zentner. 1955 wird Tío geboren, anderthalb Jahre später verunglückt sein Vater bei einem Flugzeugabsturz. Tíos Mutter bewirtschaftete ab 1956 gemeinsam mit Fritz Jordan, dem Cousin von Carlos, die Kaffeeplantage. Im Jahr 1968 putschte sich General Juan Velasco Alvarado an die Macht. Die Folge war eine Agrarreform, die Privatbesitz verstaatlichte und damit aus dem Lande vertrieb. Zusätzlich setzte eine Landflucht ein. Die Kaffeepreise sanken. La Mosela befand sich auf wirtschaftlicher Talfahrt.

Die Geschichte von Tío

1977 übernahm Tío 22-jährig La Mosela, 2 Arbeiter von ehemals 600 blieben übrig. Die Kaffeeproduktion lag gerade einmal noch bei 1 % im Vergleich zur Produktion der 50er Jahre. Trotzdem machte Tío weiter, vielmehr er musste, um zu leben. Neben der mittlerweile wirtschaftlich schwer kalkulierbaren Kaffeeproduktion konzentrierte sich Tío daneben auf den Anbau von Früchten wie Mais, sowie auf eine Viehproduktion mit bis zu 36 Milchkühen. Ab 1978 verkleinerte er das Land durch Verkauf auf 200 ha. Ab 1979 lernte Tío Anna-Maria kennen und heiratete sie. 3 Söhne wurden geboren, Carlos „Carlitos“ Enrique, Marco, Michael – die vierte Generation der La Mosela. In den 80er Jahren tritt neben die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen noch ein weiteres, existentielles Problem: der Terrorismus in Form der zwei Terrorgruppen Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad) und der MRTA (Revolutionäre Bewegung Tupac Amaru). Deren Forderungen waren vage, kommunistisch-sozialistisch durchdrungen. Man versprach sich bessere Lebensbedingungen, insbesondere für die Landbevölkerung.

Die Bilanz des Terrors in Peru über einen Zeitraum von etwa 2 Jahrzehnten waren über 30000 Todesopfer. Vor der Bedrohung des Terrors flüchtete Tío 1992 mit seiner Familie nach San Ramón, wo er in slumartigen Verhältnissen auf engstem Raum leben musste. Über Wasser hielt er sich mit Holzverarbeitung und zusätzlichem Wurstverkauf. Manchen Morgens wusste Tío nicht, was er seinen Kindern zum Mittag auf den Tisch stellen würde. Unter dem Präsidenten Alberto Fujimori (Regierungszeit von 1990 bis 2001) wurde der Terrorismus beseitigt. Tío kehrte mit seiner Familie 1996 auf die stark verwahrloste La Mosela zurück. Nochmals nach 1990 verkaufte er Land an ehemalige Arbeiter. La Mosela schrumpfte auf nur noch 80 ha. Der Kaffee- und Früchteanbau, sowie die Viehzucht wurden eingestellt. Fortan konzentrierten sich die Jordans auf die touristische Erschließung von La Mosela.

Im 72er VW-Käfer mit 40 km/h und André Rieu durch den Urwald

Tío sitzt, steht, läuft die Küche auf und ab, wirkt hektisch, um dann wieder friedvoll in sich zu versinken. Er hat viel zu erzählen. Die gelebte Geschichte der La Mosela aus 103 Jahren fließt durch seine Erzählungen. Zumeist sehr direkt, ohne Umschweife formuliert. Seitdem die Touristen nicht mehr kamen, seit 2005 aufgrund des Einsturzes einer zentralen Brücke, hat Tió nicht mehr viel zu tun. Die Zukunft der La Mosela überlässt er seinen Kindern Marco und Michael – wobei Carlitos, der Älteste, vom Himmel aus helfe. Im Jahr 2000 verunglückte er tödlich, gerade als es durch den Tourismus wieder einigermaßen bergauf ging.

Gelegentlich produziert Tío noch etwas Kaffee, wenn Anna-Maria, die in Lima als Touristenführerin arbeitet, darum bittet. Dann rotieren wieder kurzzeitig die alten Maschinen, die zuvor unscheinbar im Staub zu versinken schienen. Die alten Zeiten werden spürbar. Der Kaffee ist stark und schmeckt ursprünglich. Die neue Straße zu Füßen der La Mosela entstand auf Initiative Tíos. Mehrere Jahre hatte er dafür gekämpft. Ein Teil ist bereits wieder weggespült bzw. überschüttet worden. Sie erschließt die wenigen Behausungen seiner ehemaligen Arbeiter, die noch immer im Umkreis der La Mosela leben. Der Kontakt zu ihnen sei aber spärlich.

Dann, in einem dieser stillen Momente, schnellt Tío auf, meint, ich solle mal mitkommen. Er führt mich direkt zu seinem 72er VW-Käfer. Den habe ihm Marco vor einem dreiviertel Jahr für 700 Dollar gekauft. Keine Ahnung wie dieses Auto überhaupt auf diesen Holperpisten bestehen kann, aber es bleibt tapfer. Besteht bei bis zu 40 km/h jede Reifeprüfung. Und dann zwischen Straße, hohen Bäumen und tiefstem grünen Gestrüpp ertönt plötzlich André Rieu. Irgendein Walzer. Tío lacht mich an. Der Fahrtwind braust durchs offene Fenster. In der Ferne beginnt die Sonne zu versinken.

Hier gibts mehr Bilder von La Mosela

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