Wie gewonnen, so zerronnen

Als letzter gemeinsamer Höhepunkt unserer Reise begeben wir uns noch einmal auf die Spuren der Inka und besuchen die wohl bekannteste heilige Stätte „Machu Picchu“ mit dem heiligen Berg „Wayna Picchu“. In einem persönlichen Erfahrungsbericht schildert Daniel -Kelten- Richter seine Eindrücke.

 

Eigentlich sind es noch zehn Minuten bis zum Klingeln des Weckers, doch da klopft es schon an der Tür von Zimmer 301. Yannick ist auf seinem obligatorischen Weckrundgang. Das Bett völlig verwühlt, den Ohropax nur noch im rechten Ohr, mein T-Shirt klamm; Zeugen einer unruhigen Nacht, die obendrein nicht sehr lang war.

Es ist halb fünf in der Früh, die Morgentoilette wird nur spärlich durchgeführt, damit noch Zeit bleibt für eine Tasse Tee und ein Brötchen, schließlich will man den ersten Bus pünktlich eine Stunde später erreichen. Konversationen am Frühstückstisch werden vom gewaltigen Rauschen des hochwasserführenden Flusses untermalt, der sich direkt hinter dem Hotel seinen Weg talwärts bahnt. Die Stimmung ist erstaunlich gut, die Enttäuschung des Vorabends wegen des schlechten Wetters scheint in hoffnungsvolle Spannung umgeschlagen und man kann schon wieder lachen. Bis zu dem Punkt, an dem festgestellt wird, dass die Butter zu hart und die Brötchen zu weich sind und die Servietten taugen ja sowieso nichts.

Die letzte Zigarette vorm Aufbruch wird mit Blick ins Wasser geraucht, dann noch die Regenjacke anziehen und los gehts. Der Weg hinunter an die Rezeption wird von schrillenden Weckern aus den anderen Zimmern begleitet. Unser Ziel, den ersten Bus um 5.30 Uhr zu erwischen verfehlen wir nur knapp. Halb so schlimm, es wird im 5-Minuten Takt gestartet.

Wie erwartet sind wir nicht die Einzigen mit der Idee, so zeitig wie möglich bei den Ruinen zu sein. In Bus Vier lösen wir unsere Tickets und nehmen Platz. Es dauert nicht lang und die Scheiben beschlagen, wischt man sie frei, wird man mit einem imposanten Anblick massiver Gebirgsformationen im zarten morgendlichen Grauschleier belohnt.

Die Busfahrt dauert schätzungsweise eine halbe Stunde, dann öffnet sich die Tür und die Leute strömen voller Erwartungen Richtung Kassenhäuschen. Im Hintergrund lässt sich der Wayna Picchu vermuten, dessen Gipfel unseren Augen noch verborgen bleibt, zu dicht ist der Nebel.

Auf unbehauenen Steinblöcken, nass und glitschig vom Regen, gelangen wir in die Inkastadt. Der Aufstieg fällt schwer zu früher Stunde. Am Rand einer der ersten etwas höher angelegten Terrassen blicke ich fast über die gesamte Anlage Machu Picchus. Die schemenhaften Umrisse der Ruinen gewinnen an Kontur, sobald sich der Nebel langsam aber stetig lichtet. Mit Bedenken an die Überzahl von Touristen, die heute noch ankommen werden, scheint es mir wie der Verlust ihres Schutzmantels. Einzelne Farbkleckse im einheitlichen Grau berichten mir von einem ungleichen Kampf; Menschen tragen bunte Regencapes, während sagenumwobene Überreste einer ganzen Epoche der Witterung schutzlos ausgeliefert sind.

„Einer der mystischsten Orte auf der Welt, an dem ich je gewesen bin!“ , Worte von Yannick, an die ich mich in diesem Augenblick erinnere.

Ich möchte es selbst erleben, selbst erfahren- ganz persönlich und entferne mich daher von der Gruppe. Um zwölf Uhr ist Treffpunkt am Eingang, falls jemand verloren geht.

Stets auf der Flucht vor ersten kleineren Herden, die durch schmale Gänge und kleine Hütten getrieben werden, suche ich einen ruhigen Platz, um meinen Eindrücken Herr zu werden, meine Gedanken zu ordnen und Momente zu notieren. Man hört vereinzeltes Knipsen der Kameras. Allerdings wollen wir rechtzeitig auf den heiligen Berg, dessen Zugang im Laufe des Tages auf 400 Personen begrenzt ist, ab 7 Uhr wird der Weg hinauf vom Personal freigegeben.

Im Sog der Zeit begebe ich mich also in Richtung des Berges. Der Nebel lichtet sich unterdessen kontinuierlich weiter, nur die Täler sind noch mit dicken Schwaden verhangen, das toben des Flusses ist jedoch zu hören. Unterwegs treffe ich Tom, ein Panorama der Sinne wird uns geboten, seine Schönheit kaum in Worte fassbar. „Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hingucken soll!“, sind Tom’s Worte, bevor wir uns zusammen von einem Deutschen auf seiner Kamera festhalten lassen und dann gemeinsam auf die Suche nach der Gruppe machen.

Wir verlassen die Terrassen und laufen durch eine Art Siedlung, an deren Eingang sich ein kleines Tor befindet. Geht man hindurch, verstummt der Fluss fast völlig hinter den alten Mauern. Es ist auf einmal ganz still, man könnte denken, die Inka schlafen noch. Während wir, den Kopf nach links und rechts schwenkend, langsam weiter gehen, erklimmt die Sonne allmählich die umliegenden Gipfel. Die Vögel werden lauter und die Luft immer klarer.

Wir treffen einen Teil der Gruppe schließlich in den Überresten des Tempels für astrologische Beobachtungen („Intihuatana“) und verfolgen gemeinsam den eindrucksvollen Sonnenaufgang. Letzte Nebelwolken schieben sich über die immer grüner werdenden Terrassen. Doch nicht zu viel Zeit verlieren heißt es. Die Stufen wieder hinunter, laufen wir an Arbeitern vorbei, die anscheinend Moos aus den Fugen der Tempelmauern kratzen. Direkt neben mir überwindet ein ganz verzotteltes Lama den Höhenunterschied zweier Felsblöcke mit einem grazilen Sprung. Aus einer der Hütten ertönt eine Panflöte, die ersten Inka sind wohl erwacht.

Kurz vor dem Eingang zum Rundgang um den Wayna Picchu sammelt sich die Gruppe. Es werden noch ein paar Schokokekse gegessen und Fotos von kleinen Orchideen gemacht, die mit ihren farbintensiven Blüten aus dem flächendeckenden Grün der Bergurwaldvegetation heraus stechen. Und schon starten wir. Kurz darauf wird man von drei Angestellten in Empfang genommen, deren Aufgabe darin besteht, in einem kleinen Holzverschlag unsere Eintrittskarten zu verlangen und uns namentlich zu erfassen. Als Personen 29 bis 36 sollten wir wohl nicht an der oberen Grenze der 400 scheitern. Ein Hinweisschild gleich zu Beginn des Rundgangs gibt uns zu verstehen, dass wir in etwa einer Stunde den Gipfel des Berges erreicht haben sollten, so denn wir auch alle „fit & healthy“ sind, denn nur Personen mit diesen gesundheitlichen Eigenschaften wird geraten, den Aufstieg zu wagen.

Auf einem schmalen steinigen Weg, links begrenzt durch eine steile Felswand, rechts vom freien Fall in ein graues Nebelmeer, nehmen wir die ersten Meter in Angriff.

Es beginnen wieder die typischen Stufen aus Natursteinblöcken, diesmal allerdings um einiges steiler. Lang dauert es nicht, dann fällt das Atmen wieder unheimlich schwer und es ist nasskalt durch das Öffnen der schweißgetränkten Jacke.

Nach ein paar Metern holen wir die ersten erschöpften Touris ein, sie stehen am Rand und verschnaufen, es dampft aus den geöffneten Reißverschlüssen ihrer Funktionskleidung, man könnte denken, dass sie für den ganzen Nebel verantwortlich sind. Doch kurze Zeit später erfährt mich ein Gefühl größten Verständnisses, der Pfad wird noch steiler und schmaler. Man hört niemanden mehr reden, die Konzentration liegt auf der Atmung, die Aufmerksamkeit gilt den glatten rutschigen Stufen. Im Kopf pulsiert es, sobald ich mich hinhocke, um die Schnürbänder der Trekkingschuhe nochmals fest zu ziehen. Die Brille beschlägt durch die aufsteigende Wärme, wenn ich meinen Kopf senke, damit ich keinen Fehltritt lande.

Dann, nach gut einer dreiviertel Stunde, sehe ich Licht am Ende einer kleinen Höhle, die es als letztes Hindernis noch zu „überwinden“ gilt. Fast auf Knien quetsche ich mich durch die schmale Öffnung, getrieben vom Willen, ganz oben zu stehen. Bleibe jedoch zunächst an den Wänden hängen, trete noch mal einmal ein paar Schritte zurück, um meinen Rucksack anders zu positionieren und versuche es dann ein noch einmal. Diesmal mit Erfolg – und schmutziger Hose.

Oben angekommen, teilen sich außer Chrischan und Yannick noch circa 15 weitere Gipfelstürmer den An- bzw. Ausblick vom höchsten Punkt der heiligen Inkastätte mit mir, doch es sollten noch mehr werden. Obwohl der Nebel noch immer nicht vollständig verzogen ist, lässt sich bereits vermuten, was sich Erstaunliches dahinter und darunter verbirgt. Ich suche mir ein kleines Plätzchen auf einem der Felsen, um mich zunächst von meinem schweißgebadeten T-Shirt zu befreien, es klebt und will den Kontakt zu meiner noch immer kellergebräunten Haut eigentlich auch gar nicht abbrechen.

Wie es scheint, haben wir einen angenehmen Ort gefunden; keine Gruppen von Touristen mit Schirmchen in der Hand oder Schirmmütze auf dem Kopf und die Auslösergeräusche der Kameras werden vom Rauschen des Windes geschluckt. Nur hier und da wird man mal gebeten, ein Foto von glücklichen Menschen zu schießen, die am Ende ihrer Kräfte sind, unter ihnen selbstverständlich auch zwei Sachsen in ungefähr unserem Alter.

Nach einem reichhaltigen Mahl an diversen Keksen und Früchten und dem Versuch, die von diesem Platz ausgehende Aura aufzunehmen, beschließen wir den Rückweg. Auf dem Weg nach unten begegnen wir unzähligen Leuten, die den beschwerlichen Weg noch vor sich haben, man kann ein Lächeln auf unseren Gesichtern erkennen.

Die Uhr schlägt zehn, als ich wieder unten ankomme und mich in der gleichen Liste, in die wir uns eintrugen auch wieder austragen muss. Da es angefangen hat leicht zu regnen, bietet eine Hütte mit Strohdach einen willkommenen Unterstand. Von hier aus kann man wunderbar das Treiben rund um einen magnetischen Stein beobachten; jeder will ihn berühren oder ein Foto von sich und ihm machen lassen. Mir reichen im Moment ein zitronenhaltiges Getränk und ein paar gesalzene Plätzchen zum Glücklichsein.

Zwei Stunden bleiben nun noch bis zum vereinbarten Treffpunkt, also gehe ich noch ein paar Schritte. Der Weg führt weiter an altehrwürdigen Mauern entlang, die durch ihre fensterartigen Auslassungen atemberaubende Blicke auf felsige Steilwände und bilderbuchartige Wasserfälle preisgeben. Doch zu lang in Gedanken versunken, muss ich plötzlich meinen Rücken an die moosbehangenen Steinblöcke der Mauer pressen, um einen Zug asiatischer Touristen passieren zu lassen, um auch keines ihrer monströser Kameraobjektive nur zu berühren. Ein ruhiger Fleck findet sich dann doch noch irgendwo, mit weitem Einblick ins Tal, das nun endlich vom Nebel freigegeben wurde.

Nun kann ich den heiligen Fluss auch sehen und nicht mehr nur hören. Unmengen an Wassermassen werfen sich ungebremst gegen riesige Felsbrocken, es entstehen bizarre Strudel und Schleier im Wasser. Aus der Ferne dröhnt das Signalhorn der Bahn durch das Tal, welche den nächsten Schub Touristen nach Machu Picchu bringt. Aus der Nähe wieder das Knipsen einer Kamera. Rechts von mir schlängeln sich die Serpentinen den Hang hinunter, Busse befahren sie im Minutentakt. Noch ein Stück weiter rechts ein ähnliches Bild; wie auf einer Perlenkette aufgereiht winden sich Besuchergruppen die Terrassen hinauf und wieder hinab. Wieder versuche ich die mystische Aura auf mich wirken zu lassen, doch mich ergreift nichts außer Müdigkeit. Währenddessen macht die Bahn Station im Ort. Menschen strömen aus den Waggons und bilden eine große bunte Traube. Apropos, die nächste kündigt sich hinter mir bereits mit Blitzlicht an. Viel Zeit bleibt nun auch nicht mehr.

Im „Raum des Condors“ treffe ich auf Gruppenmitglieder. Während ein Salamander, der aus einem der vielen Mauerlöcher lukt unsere Aufmerksamkeit erregt, richtet sich die der Reisegruppe nebenan auf den modernen Klingelton eines Handys und nicht auf die kleine Geschichtsstunde ihres Guias, so wie die Touristenführer in der Landessprache bezeichnet werden. Wir laufen gemeinsam in Richtung Ausgang, da fällt mir nur noch das Bewässerungssystem auf. Es funktioniert noch immer; in kleinen Rinnen im Boden fließt das Wasser ausdauernd durch zahlreiche Zisternen und Becken Richtung Tal, ebenso reißt der Besucherstrom vor dem Eingang nicht ab.

Es ist nun kurz vor 12 Uhr. Noch ein Toilettengang, dann geht es in den Bus. Der Platz in der ersten Reihe ist noch frei. Ich zieh den Sonnenschutz ein Stück vor, um nicht geblendet zu werden, schlage das Notizbuch zu und lehne mich zurück.

 

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